@Rüdiger
[Ich hatte heute etwas zu viel Zeit, so dass dieser Beitrag immer länger wurde. Sorry for the inconveniences.]
Lists Nationalökonomie ist hier tatsächlich im Spiel, mein Unterstellen eines Glaubens an den freien Markt allein war zu kurz gegriffen. Sarrazin will den Staat als Zuchtmeister der Unterschichten, als Instrument der Elitenförderung und als eugenischen Thermostat radikalisieren, für einen dynamischen Markt, auf dessen baldige Ankunft in Berlin er die Hoffnung aufzugeben nicht bereit ist. Diese Verschränkung von Staat und Kapital, diese vorauseilende Subsumption unter Produktionssachzwänge und der von der ökonomischen Notwendigkeit losgelöste Wunsch nach Arbeit sind das eigentlich sozialdemokratische in seinen Ausführungen.
Das Interview im director's cut lässt was spezifisch Deutsches in seiner Argumentation erkennen, wenn er z.B. unfreiwillig Arbeit und Leben zu letztlich unversöhnlichen Gegensätzen erklärt und sich selbstverständlich auf die Seite der Arbeit schlägt. Dieser Mann sieht die Leute nicht gerne essen und eigentlich auch nicht gerne leben. So ist es auch keine Überraschung, dass er (ausgerechnet) den 68ern und ihren Nachfahren übermässige Lebenslust unterstellt:
Menschen, die gerne beruflich aktiv waren, wurden ersetzt durch solche, die gerne lebten.
Sein Wunsch danach, dass alles "wie am Schnürchen" läuft, hat sich längst von der Notwendigkeit emanzipiert, so dass er im Interview immer wieder rhetorisch über dem Bild konfuzianischer Maschinenanhängsel onaniert, als ob er nicht wüsste, dass sich die menschenintensive Produktion langfristig aus dem preussischen Kernland, eigentlich aus Deutschland und Europa verabschiedet hat. Soll tout Berlin im Callcenter arbeiten? Oder läuft es nach all dem Subventionslamento doch auf einen Grossauftrag des Bundes hinaus, etwa
Albert Speer & Bertelsmann present: Germania reloaded?
Sein Zorn über die verwöhnten, verweichlichten, überflüssigen Berliner treibt ihn zu halbausgesprochenen Drohungen mit Schmerz und Tod. Zu seinen Ausflügen in die Mendelsche Vererbungslehre passt die Überzeugung, dass Individuen - bei ihm eher: Typen - sich grundsätzlich nicht verändern.
...in Berlin saß ein verfetteter Subventionsempfänger, der durch Entzugsschmerzen erst wieder an die Wirklichkeit gewöhnt werden musste. So etwas kann sich nur durch einen Bevölkerungsaustausch vollziehen, man ändert ja niemanden. Wenn sich in Berlin etwas ändert, dann dadurch, dass Generationen auswachsen. Davon leben Metropolen immer.
Dass es ihm List-ig um nationale Grösse geht, kann man an jedem Satz erkennen, es steigert sich hier fast bis zur Reichsausrufung:
Die Deutschen hatten immer schon eine stärkere zentralstaatliche Gesinnung, als ihre Politiker glauben wollten. 1871 macht das klar.
Doch es steht dem feuchten Traum einer neuen Bismarckiade ein pöbelhaftes Element entgegen, das weiland dem eisernen Kanzler ein pain in the arse war und von Noske später zusammengeschossen wurde. Dabei ist die Berliner plebs mehr als bereit, dem Weckruf der roten und grünen Prediger zum selbstlosen Dienst zu folgen, die wiederum helfen können, den kraftlosen Massen mit ideologischen Stromschlägen Beine zu machen. Bismarck verstand diesen trick, Hitler beherrschte ihn.
Berlin müsste Stadt der Intellektuellen und der Elite sein, aber die Stadt in ihren politischen Strömungen ist nicht elitär aufgestellt, sondern in ihrer Gesinnung eher plebejisch und kleinbürgerlich.
Fast am Ende des Interviews taucht ein Gedanke auf, der sich die ganze Zeit angekündigt hat und den ich nicht übergehen will:
Wenn ich Regierender Bürgermeister wäre...
Grosse Zeichen erscheinen am Himmel. Derselbe Mann, der - wäre er nur RB - am liebsten Berlin mit der Einfuhr von Tausenden, von ukrainischen Strassen und Feldern weggefangenen schlauen Juden aufpeppen würde und von einer "Stadt der Intellektuellen" schwätzt, enthüllt hier die Trostlosigkeit seiner instrumentellen Vernunft und sein abgründiges Unverständnis im Wörtchen "Qualität", hinter dem man sich keine beschädigten Einforderer des Lebens, keine grantigen Salonkommunisten, sondern Architekten und Stadtplaner, Maschinenbauer und Softwareprogrammierer, in einem Begriff: Arbeiter der Stirn vorzustellen hat. Das ist der Ruck, der durch das altneue Herz Deutschlands gehen soll.
Ich würde aus Berlin eine Stadt der Elite machen. Das würde voraussetzen, dass unsere Massenuniversitäten nicht weiterhin massenhaft Betriebs- oder Volkswirte, Germanisten, Soziologen ausbilden, sondern konsequent Qualität anstreben. Die Zahl der Studenten sollte gesenkt werden, und nur noch die Besten sollten aufgenommen werden.
Und wo ein Lebensborn fliesst, gibt es auch ein Abwasser, eine washout lane, über deren genaues Ende Näheres noch - kreativ und ohne Denkverbote - diskutiert werden müsste. Der Anfang dazu wäre ein vom neuen RB regelmässig abgehaltenes Kanakenranking, eventuell liesse sich das Ganze partizipativ so gestalten, dass die produktive Bevölkerung die schlimmsten Nichtleistungsträger rausvotet (39ct./min.). Ein eisiger Wind soll durch die allzubreiten Berliner Strassen und die von Parasiten wimmelnden türkischen Teestuben fegen. Sarrazin bewirbt sich als Herzschrittmacher für den lethargischen Volkskörper.
Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestaltet werden. Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu vermitteln, dass sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten. Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen. Wenn der Bürgermeister in zehn öffentlichen Reden über die Zukunft der Stadt philosophiert und in diesem Zusammenhang die akademischen Leistungen der Vietnamesen, Araber und Türken einmal öffentlich vergleicht, dann würde etwas geschehen. Dann würde klar, dass man eine Stadt der Elite möchte und nicht eine "Hauptstadt der Transferleistungen". Die Medien sind orientiert auf die soziale Problematik, aber türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben.